Schweigen tut weh!

 

Das heute wird ein Herzensding. Seht es mir also nach, dass das keine objektive Buchvorstellung wird. Ich will, dass ihr alle dieses Buch kaufen geht. Außer, wenn ihr es schon habt. Obwohl: kauft es trotzdem und schenkt es euren Kindergärten!

„Klein“ von Stina Wirsén ist ein unglaublich berührendes Bilderbuch zu einem sperrigen, unbequemen Thema. So unbequem, dass das Buch als unverkäuflich galt und der Verlag einen Hilferuf auf facebook startete, um Leser zu finden.

Die Aktion war dann gleich so erfolgreich, dass „Klein“ binnen kürzester Zeit ausverkauft war und eine neue Auflage gedruckt werden musste.

 

Man könnte also meinen, damit wäre es getan. Ist es aber nicht!

 

Weil man nicht genug die Werbetrommel für dieses wichtige Buch rühren kann, nun auch hier eine Vorstellung:

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Der Wusel Klein mag es, wenn alle sich gut verstehen und es keinen Streit gibt. Im Kindergarten bei seiner Erzieherin Frau Traulich ist das so. Deswegen geht Klein auch gerne dorthin.

Zu Hause sind die Tage weniger gut. Groß und Stark, die Eltern von Klein, streiten sich häufig. Sie brüllen, toben und lassen ihre Wut auch am Wuselkind Klein aus. Sie vernachlässigen Klein, der Angst hat und ganz furchtbar allein ist. An Tagen voller Streit gibt es niemanden, der sich um ihn kümmert, ihm zuhört oder ihn zu Bett bringt.

Klein ist mutig und schafft es, die Mauer der Isolation zu durchbrechen und sich seiner Erzieherin anzuvertrauen. Frau Traulich hört zu und hilft Klein. „Dann alle, die groß sind, sollen sich um die kümmern, die klein sind. So ist das.“

Die Illustrationen sind ganz einfach gehalten. Die Wusel sind minimalistisch mit Buntstiften gezeichnet. Meine Große kommentierte das Ganze mit „ein bißchen Krickelkrakel, aber schön!“ Genau so schauts aus. Und mehr braucht es auch nicht, um nachfühlen zu können, wie es dem kleinen Wuselkind ergeht. Text UND Bilder berühren! Beim Vorlesen schon habe ich das Bedürfnis, das Wuselkind mit den herunterhängenden Schlappohren in die Arme zu nehmen und zu drücken. Niemand darf so allein und hilflos sein!

„Klein“ von Stina Wirsén ist ein Buch, das ganz behutsam mit einem mehr als schwierigen Thema umgeht. Es ist – auch für die Kinder – sehr klar, worum es in der Geschichte thematisch geht. Trotzdem wird niemand beim Vorlesen überfordert oder geängstigt.

„Klein“ ist ein Buch, das eine gute Geschichte erzählt und damit unterhält. Es ist aber weit mehr als das. Es ist ein enorm wichtiges Buch mit einer Botschaft. Vor allem aber ist es ein Buch, das die Hand reicht und einlädt zu einem Gespräch.

Zu einem wichtigen Gespräch! Zu einem Gespräch, das für einen Großteil der betroffenen Kinder ohne Hilfestellung kaum zu führen ist! Denn Gewalt macht nicht nur einsam – sie macht vor allem eins: sprachlos!

 

Gewalt gegen Kinder: ein Massenphänomen!

 

Gewalt – sei es Gewalt gegen die Mütter oder direkt gegen die Kinder – ist keine Ausnahmeerscheinung in deutschen Familien. Sie kommt, übrigens nahezu unabhängig vom Bildungsstand, Familieneinkommen oder dem Alter, erschreckend häufig vor vor.

Experten sprechen bei der Gewalt gegen Kinder von einem „Alltagsphänomen“[1] Seit dem Jahr 2000 ist die „körperliche Züchtigung“ in der Erziehung per Gesetz verboten (ja, WIRKLICH ERST im Jahr 2000 – unfassbar, oder?). Der Großteil deutscher Eltern stimmt dem Recht auf gewaltfreie Erziehung im Prinzip zu – doch nur etwa ein Drittel schafft dann auch tatsächlich, sich daran zu halten.[2]

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Nach einer repräsentativen Studie des Bundeministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Thema Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2004 haben 40% der Frauen seit ihrem 16ten Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. 37% der von körperlicher Gewalt betroffenen Frauen haben mit niemandem darüber gesprochen. Die Anteile liegen noch höher, wenn die Täter auch die Beziehungspartner sind.[3] Kinder sind regelmäßig Zeugen häuslicher Gewalt – sei es unmittelbar daneben oder hinter geschlossener Zimmertüren. Für die erlebten Traumata ist es zweitrangig, ob Kinder Gewalt am eigenen Körper erleben oder sie Zeugen häuslicher Gewalt werden – sie sitzen tief! Ebenso die Sprachlosigkeit: weil etwas als Normal erlebt wird, das nicht normal sein darf. Weil Kinder loyal sind – selbst denjenigen gegenüber, die ihnen schaden. Weil sie davon überzeugt sind, die erfahrene Gewalt „verdient“ zu haben. Weil sie Angst davor haben, ihre Eltern „zu verraten“. Oder sie befürchten, dass ihnen sowieso niemand glaubt.

 

Genau da setzt „Klein“ von Stina Wirsén an.

 

Deswegen, liebe Leute: kauft dieses Buch! Kauft es für eure Kinder und für eure Kindergärten und Schulen. Lest es vor! Lest es im Bewusstsein, dass auch eure Kinder (so behütet sie auch aufwachsen mögen!) irgendwann einmal in Situationen kommen können, die ihnen Angst machen oder Hilfe von außen erfordern. Lest es mit der Überzeugung, dass sich Hilfe zu holen und über Erlebtes zu sprechen Fertigkeiten sind, die unsere Kinder von innen heraus stark machen. Und lest das Buch mit dem Wissen, dass ein Viertel der Kinder – sicher auch in der Kindergartengruppe unser Kinder – am eigenen Körper Gewalt erleben[4]. (über Vernachlässigung, Gewalt an den Müttern, Erniedrigungen, Schubsen, Anbrüllen und all das, was im Potpourri der psychischen Gewalt zu finden ist, noch gar nicht zu reden…)

Ja, ein Viertel! 25 Prozent! Wie viele Kinder sind das rechnerisch in eurer Kindergartengruppe?

 

Brecht das Schweigen!

 

An dieser Stelle möchte ich euch bitten, diesen Blogartikel (oder einen anderen zum Thema, mir geht es da überhaupt nicht um mich!) zu teilen. Macht dieses Buch bekannt! Kauft es! Bringt dieses totgeschwiegene Thema auf den Tisch! Redet mit euren Kindern und deren Erziehern, mit anderen Eltern oder eurer eigenen Familie. Schreibt darüber in euren Blogs und Webseiten. Ich weiß, das Thema ist sperrig und unbequem. Keiner will sich so wirklich damit befassen. Das Stillschweigen über die alltägliche Gewalt in unseren Familien aber nützt  nur einem: den Tätern!

Ein Herzensding, also 5 Kakaotassen!

5-tassen

 

 

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Stina Wirsén
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Klett Kinderbuch
Empfohlen: ab 3 Jahren
ISBN: 978-3954701315

 

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[1]  Quelle: Tagesschau.de

[2] Quelle: süddeutsche.de

[3] Quelle: Frauen gegen Gewalt

[4] Quelle: welt.de

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