Pages Menu
Rss
Categories Menu

Gepostet by on Aug 28, 2016 in Allgemein, Kinder | 15 Kommentare

Ich habe heute wieder nix geschafft

 

Wieder einmal haben sich Leute über unseren Vorgarten beschwert – offenbar erwartet man von den Bewohnern eines ehemaligen Pfarrhauses mehr als das, was wir hier bieten.

Meistens ist mir das egal – aber es gibt Tage, da treffen mich diese Äußerungen. Dabei geht es mir weniger darum, dass ich besagte Leute doof finde (in der tat: das tue ich!) oder mich die Vorwürfe persönlich kränken (das tun sie mitunter, je nach Tagesform).

Meistens geht es mir dabei um etwas ganz anderes: auch ich hätte gerne einen schönen, vorzeigbaren Vorgarten: mit farblich aufeinander abgestimmten Blumen und angelegt mit so viel gärtnerischem Geschick, dass ständig etwas blüht. Auch ich träume von einem Vorgarten, der sich durch das gänzliche Fehlen von Unkraut auszeichnet und rund ums Jahr einfach einen schönen Eindruck vermittelt. So instagrammäßig halt. Ihr kennt das ja…

Während ich mir anfangs tatsächlich noch ein bißchen Mühe gegeben habe, ist unser Vorgarten spätestens seit der Schwangerschaft mit Nr. 4 sich selbst überlassen. Ich schaffe das nicht, ehrlich. Nicht auch noch das!

Rational weiß ich, dass es sinnvoll ist, Abstriche zu machen im Alltag. Und trotzdem nagt eine innere Stimme in mir. „Eigentlich solltest du noch…“ ertönt es da ganz vorwurfsvoll. Ich nicke seufzend. Es gibt so vieles, das ich eigentlich noch mal eben tun sollte. „Später kümmere ich mich drum!“, nehme ich mir vor. Das entlastet wenigstens mein Gewissen. Kurzfristig zumindest.

 

Überraschungen vom letzten Jahr

 

„Mama, was sind das für hübsche Blumen?“, fragen mich nur wenig später meine auf der Dachterrasse spielenden Kinder. Ich muss nachdenken. Diese Blumen sehe ich zum ersten mal. Ich kann mich nicht erinnern, sie gesäht oder gepflanzt zu haben. Dieses Jahr sowieso nicht. Denn für die Dachterrasse gilt das selbe wie für den Vorgarten (mit dem Unterschied, dass die lieben Kirchgänger sich darüber nicht das Maul zerreißen. Sie sehen das Ding einfach nicht so gut).

2016-07-22 14.24.52

Beim Betrachten der Blätter bekomme ich eine leise Ahnung… „Ich glaube, Kinder, das sind Möhren. Die vom letzten Jahr. Die, die wir leider vergessen haben, zu ernten.“

Die Kinderbande ist entzückt. Auch ich verweile staunend vor den Möhrenblüten, bevor mich – wieder einmal an diesem Tag – Selbstvorwürfe einholen.

Abends dann muss ich an unseren Vorgarten denken, den ich selbstredend noch immer nicht in Schuss gebracht habe. Und an die Dachterrasse. Ich denke an die Wäsche in den beiden Körben, die immer noch nicht zusammengefaltet ist. Und an das Telefonat mit dem Kinderarzt, das seit drei Tagen schon auf meiner To-do-Liste steht.

„Heute habe ich wieder nix geschafft“, sage ich resigniert zu mir selbst und nehme mir vor, wenigstens morgen dann mal ein paar Dinge auf die Reihe zu kriegen. Da schreit eine Stimme in meinem Kopf laut „NEIN!“ und lässt mich aufhorchen.

 

Ein überraschendes Resumee

 

Ich halte inne. Denke nach. Habe ich wirklich heute nichts getan?

Ich habe:

  • Frühstück für vier Kinder gemacht und zwei Brotdosen individuell gefüllt – so, dass die beiden Schulgänger glücklich mit dem Inhalt sind. (Ja, keine Sternchenbrote, keine Wraps, keine Joghurts mit Herzchenmarmelade und auch keine Gurkenscheiben in Raumschiffform. Ich lasse die Nörgelstimme in mir heute erst gar nicht zu Wort kommen. Das, was wesentlich ist, habe ich gemacht.)
  • die Windeln gewechselt (acht mal, wenn ihr es genau wissen wollt)
  • Wäsche gewaschen und aufgehängt (zwei Maschinen) und zusammengelegt (eine Maschinenfüllung)
  • die zwei Kleinen morgens an- und zwei mal umgezogen
  • Kinder getröstet
  • Streit geschlichtet
  • ein aufgeschlagenes Knie verarztet
  • den Hund spazieren geführt (3 mal)
  • Münder abgewischt und Hände gewaschen
  • zwei mal Mensch Ärgere Dich Nicht gespielt (und verloren)
  • Lotti Karotti nach den Spielregeln meines Zweijährigen gespielt (und ebenfalls verloren)
  • drei Bilderbücher vorgelesen
  • eingekauft im Supermarkt, im Drogeriemarkt und auch im Buchladen
  • Hausaufgaben kontrolliert
  • ganz viel zugehört: von den Erlebnissen in der Schule, den Sorgen und auch schönen Erlebnissen der Kinder.
  • mein Baby gestillt (7 mal) und herumgetragen (5 Stunden)
  • neben dem Stillen noch drei Pixibücher vorgelesen und mich mit auf mir schlafendem Baby auf dem Sofa liegend ausgeruht
  • eine Starwarskarte gesucht (und gefunden!)
  • das Mittagessen gekocht, später auch einen Obstteller gestaltet und ein Abendessen zubereitet
  • das Baby gefüttert und dem Kleinkindmenschen das Essen klein geschnitten
  • morgens und abends den Hund und die beiden Katzen gefüttert
  • ein Waschbecken geputzt
  • Bonbonpapier vom Sofa eingesammelt
  • eine von den Katzen angeschleppte Spitzmaus entsorgt
  • den Nachmittag auf dem Spielplatz verbracht
  • dem Kleinkindmann sieben mal die Sandalen angezogen (ausziehen kann er mittlerweile selber)
  • abends dann den Kleinkindmann und das Baby zu einem letzten Spaziergang mit dem Hund mitgenommen, während dem beide Kinder einschliefen
  • im Anschluss den beiden großen Kindern Geschichten vorgelesen, ein mal Zähne nachgeputzt und die Großen ins Bett gebracht – wohlgemerkt alles mit Baby vor dem Bauch.Das sitzt da immer noch in der Trage, weil es ohne Körperkontakt nicht schlafen mag.
  • …wahrscheinlich noch viel mehr getan, aber vergesen, was es im Einzelnen war. Autopilot eben, ihr kennt das vielleicht (jedes mal Naseputzen kann man sich ja nicht merken, oder?)

 

Nein, ich habe nicht nix gemacht. Das kann man nun wirklich nicht so sagen.

 

Ich merke, wie ich wütend werde. Auf mich, weil ich so oft kleinrede, was ich hier Tag für Tag leiste. Und auf die anderen. Diejenigen, die glauben, mir Vorwürfe wegen unseres Vorgartens machen zu können und meinen, ich käme meinen Pflichten nicht nach.

Ihr täuscht euch nämlich, werte Nörglerinnen und Nörgler! Ich mache den ganzen Tag irgendwas und kümmere mich. Nicht um den Vorgarten, ihr habt recht. Sondern um das, was wirklich zählt: vier Kinder!

Irgendwann werden die vier groß sein. Irgendwann werden sie ihr Fleisch selbst klein schneiden, eine Toilette benutzen oder eigenständig ihre Schuhe anziehen können. Irgendwann wollen sie nicht mehr in den Schlaf begleitet oder ein Buch nach dem anderen vorgelesen bekommen. Irgendwann wird also auch wieder mehr Zeit sein für anderes. Vorgärten zum Beispiel. Sofern ich dann nicht lieber ein Buch lese oder nähe.

Ich nehme einen Stift und beginne zu schreiben. Nicht die geplante To-do-Liste, sondern einen Zettel für die vorbeilaufenden Kirchgänger.

2016-08-28 11.39.52

Morgen hänge ich den Zettel an den Baum vor unserem Haus. Wenn ich dazu komme. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Wirklich wichtig ist das nämlich alles nicht.

Zufrieden und mit mir selbst versöhnt, gehe ich mit dem Babysohn vor meinem Bauch ins Bett. Da liege ich dann und höre den beiden Zwergen beim schlafen zu. Ich denke an die beiden Großen, die in ihren Zimmern liegen und an all das, was der kommende Tag uns bringen wird. Ich denke an das große Glück, so viel Zeit mit meinen vier Kindern haben und so viel Nähe erleben zu dürfen. Und an die wunderschönen Möhrenblüten, die ich nur habe entdecken können, weil die Gartenarbeit zu den Dingen gehört, die hier zu kurz kommen.

„Dinge dürfen gerne mal zu kurz kommen“, denke ich beim einschlafen, „nur Menschen nicht.“

 

Kennt ihr das auch? Das Gefühl, mal wieder nichts geschafft zu haben? Den Blick nur auf die Dinge zu richten, die noch dringend erledigt werden müssen und nicht auf das, was jeden Tag geleistet wird? Wie geht ihr damit um? Oder habt ihr Tipps, dem Tag ein paar Stunden hinzuzufügen (ich wär interessiert! 😉 )

***

Hat dir mein Artikel gefallen? Dann freue ich mich über ein „gefällt mir“ und über das Weiterteilen. Wenn du regelmäßig auch meine nächsten Artikel lesen magst, folge diesem Blog oder klicke „gefällt mir“ auf der Kakaoschnuten-Facebookseite.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

15 Kommentare

  1. Danke,sehr schön!!
    Dieses Gefühl, nichts geschafft zu haben, kenne ich gut. Und es stimmt nie. 😉
    Über dieses Thema schreibe ich auch gerade…

    • Danke dir! Du hast recht: es stimmt nie! Das kann man (sich selbst) gar nicht oft genug sagen…

  2. Toll! Und soviel Wahres!
    Du musst natürlich Kinder UND Garten schaffen, es doch klar oder?! Wenn ich so Sprüche höre könnte ich die Wände hochgehen! Häng den Zettel auf und ne Kamera nebendran, ich würde so gerne die Gesichter sehen! Wie dreist auch, sich über Vorgärten von anderen zu beschweren! Tssss..
    Was tun wir Mütter nicht für wertvolle Aufgaben! Für unsere Kinder, das sie später gut zurecht kommen im Leben und in der Gesellschaft, dass sie nette, gesunde Menschen hat, die vielleicht, weil sie die Karottenblüte in ihrer Kindheit so schön fanden Gärtner werden. Wer weiß.

    Ich habe bislang nur ein Kind und schaffe oft nicht alles, was notwendig ist, aber so ist das dann eben, dafür gibt’s andere Tage, da kann ich einiges erledigen. 🙂

    • Du hast recht: Kinder UND (Vor)garten, danebnen immer noch nett aussehen und im Idealfall auch noch täglich die Tageszeitung lesen. 😉

      Die Gesichter sehe ich übrigens hervorraged vom Arbeitszimmer aus. Bisher sah ich sie immer nur vorbeilaufend den Kopf schütteln… Das könnte sich bald änderm. 🙂

  3. Das kenne ich nur zu gut! Ich tu auch den ganzen Tag nix. Lustigerweise hab ich heute bevor ich deinen Artikel las, angefangen, den Vorgarten zu machen. Die Betonung, liegt auf „anfangen“, bei 6 Kindern und meistens einigen Besuchskindern komm ich auch nur äußerst selten dazu.

    • Juhu, noch jemand, der anfängt… Ich bin also in guter Gesellschaft. Letztens habe ich ein Fenster geputzt (ein einziges von einer ganzen Fensterfront). Mehr war angesichts des Trubels zu Hause nicht drin. Meine Zufriedenheit über dieses eine saubere Fester hat mich dann selbst überrascht. Aber auch kleine Schritte führen zum Ziel (und im Zweifelsfall verbringe ich einfach lieber Zeit mit den Kindern 😉 ).

  4. Du schreibst meine Gedanken nieder! Wie oft ich denke „Dies hast du nicht geschafft. Und das hast du nicht geschafft“ Bis ich dann letztlich resigniere und es mir egal ist – für den Moment. Am nächsten Tag fängt das gleiche Spiel wieder von vorne an…Und ich habe „nur“ 2 Kinder, wovon eins in den Kindergarten geht. Das Baby ist aber mit seinen fast 10 Monaten nach wie vor ein großer Stillfan. Auch vom regelmäßig intensiven Körperkontakt sieht er nicht ab 😉
    Immer wieder schön zu hören dass man nicht alleine ist…

  5. Danke! Danke! Danke! aus dem Herzen gesprochen!….ich kenne das selbst SEHR gut in meiner Männer-WG. Und meine Mütter in meiner Stillgruppe oder meine Patientinnen auch…..ich glaube wir sind gar nicht so wenige denen es so geht. Nur sind die Anderen vielleicht lauer oder lästersamer 8wir hätten dazu vermutlich noch nicht mal die Zeit)

  6. Wahnsinn! Ein Ausschnitt aus dem Tag einer Mama. Einer Mama, die ihre Prioritäten auf das Wohlbefinden der Kinder und nicht auf den Vorgarten(Äusserlichkeiten) setzt. Bei euch lebts und der Schein trügt nicht. Gratuliere zu deinem Artikel! Grossartig ich finde mich 1 zu 1 wieder.

    • Tausen Dank für das tolle feedback! Ich freue mich sehr über deine Worte!

  7. Danke! Dein Blog hat sehr gut getan!

    Ich hab „nur“ ein Kind.
    Philian kam zu früh auf die Welt.
    Und ich habe das 1. Halbe Jahr kaum anderes gemacht als Stillen und ihm 23 Stunden am Tag Körperkontakt zu geben (Stillen, Familienbett, Tragen). Und ich musste mir einiges anhören…
    Nun ist er 11 Monate alt und hat längst alles aufgeholt.
    Darüber höre ich nicht so viel…
    Geschlafen wird immer noch nicht viel (Stillen, Familienbett, nicht mehr ganz so viel tragen: 10 kg und Krabbelsüchtig) aber es lohnt sich!
    Und mein Mann sieht alles genauso! 😀

    • Ich freue mich über dein feedback zum Blockartikel! Und so schön, dass euer Sohn sich so gut entwickelt hat und ihr euren Weg geht völlig egal, was andere sagen. 🙂

  8. Sehr schön geschrieben und so wahr. Bin schon Grossmama, hüte 2x/Woche den kleinen Enkel, nur einen! und schon da fängts ja an mit Zeitdruck. Lasst doch eure Febsterscheiben mit Patsch- und Hundeschnautzenabdrücke einfach links liegen, irgendwann…später. Und der Vorgarten ist halt „Naturgarten“. Ich hasse die Dämchen, die kopfschüttelnd an solchen vorbeistöckeln und sich zum käfelen und quatschen treffen.

  9. Großartig! Genauso fühle ich mich als selbständig voll berufstätige, beinahe allein erziehende Mama von zwei inzwischen pubertierenden Mädchen auch oft.

    Vor einigen Jahren habe ich mal an einer Hauswand neben dem Klingelknopf folgendes Schild gesehen:

    „Dieses Haus ist sauber genug, um gesund zu sein
    und schmutzig genug, um glücklich zu sein!“

    Das ist seitdem mein Mantra. Es muss nicht immer perfekt sein. Gut genug ist meistens auch genug. 🙂

    • Was für ein toller Satz! Ich werde ihn mir merken!

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*