Wie viel Freiheit braucht ein Kind?

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Während ich mit meiner zwölfjährigen Tochter und den beiden Kleinen wandern gehe, hat mein großer Sohn andere Pläne. Liegt sicher daran, dass der Neunjährige Wanderungen für völlig überschätzt hält – vor allem aber hat er einfach keine Zeit. Er ist verplant. Die Peergroup ruft.

Während ich also mit drei Kindern im Gepäck den Berg zur nächstgelegenen Burg hochkraxel, ist mein Sohn im Dorf unterwegs. Vermutlich ist er wieder heimlich Cola trinkend damit beschäftigt, Bandenkriege mit den anderen Neun- bis Zwölfjährigen abzuhalten. Vielleicht sitzt er aber auch irgendwo und zockt? Oder er macht etwas GANZ anderes???

So ganz wohl ist mir nicht dabei. Ich frage mich, ob so viel Freiheit tatsächlich gut ist. Ob ich als seine Mutter nicht genau wissen müsste, wo der Junge steckt? Ob es reicht, seine Freunde zu kennen, aber nicht deren Eltern? Und ja: ich frage mich auch, ob die Kinder am Ende etwas Verbotenes machen oder gar Gefährliches.

Loslassen oder kontrollieren?

Einem Teil von mir fällt es nicht leicht, loszulassen. Dieser Teil würde sich riesig freuen, wenn mein Sohn, anstelle bei Wind und Wetter duchs Dorf zu ziehen, bei einem Justus-Alexander im Kinderzimmer Konstruktionsspielzeug zusammenbastelt. Er würde dabei vermutlich sogar was lernen. Garantiert würde er sich dabei nicht die Füße abfrieren. Und die nette Mutter würde am Ende sogar noch einen frischgepressten O-Saft vorbei bringen. Vor allem aber wüsste ich genau, wo mein Sohn sitzt und was er treibt. Mit Aufsichtsgarantie.

Jetzt weiß ich genaugenommen gar nichts. Ich habe ihn ziehen lassen. Ich muss vertrauen. Mehr bleibt mir ja nicht. Aber ob das richtig ist???

Doch bevor dieser ängstliche Teil in mir überhaupt zum Ende kommt, übernimmt ein anderer Teil meiner Selbst das Ruder. Warum in aller Welt ich dann „Kalle Blomquist“ und andere Geschichten von Kindern vorlese, die frei und unbeschwert ihrer Wege gehen? Ob es nicht scheinheilig ist, die Lindgrensche Kindheit so dermaßen zu feiern, während ich die eigenen Kinder nur ungern in völliger Freiheit ziehen lasse?

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Kindheit braucht Freiheit

Natürlich, in Astrid Lindgrens Büchern, das waren andere Zeiten. Ich frage mich nur, ob Kindheit nicht auch heute ein ganzes Stück Freiheit braucht. Ob es nicht auch für unsere Kinder wichtig ist, jenseits ängstlicher Elternaugen Abenteuer erleben zu dürfen? Ob unsere Kinder, vielleicht sogar dringender als Kinder früherer Generationen, unbeobachtete Räume brauchen. Spiel nur mit Kindern. Jenseits irgendwelcher pädagogoscher Vorstellungen. Ohne Zweck und Ziel. Mit selbstgewählten Freunden.

Vermutlich ist das so. Vermutlich lernt der Neunjährige dabei sogar mehr als bei jedem Nachmittag mit Konstruktionsspielzeug. Und wenn nicht, ist das auch egal. Denn genau das macht die Stunden mit seinen Freunden so wertvoll. Im Gegensatz zur Zeit in der Schule muss er nicht funktionieren. Er muss nichts leisten oder lernen. Er kann sein.

Eine neue Phase

Ich frage mich, ob nach Jahren des Begleiten und Unterstützens jetzt das Loslassen in den Vordergrund rückt. Ob es neue Lernaufgaben gibt, für mich. Ob jetzt vor allem Vertrauen auf dem Plan steht. Darauf, dass ein selbständiges und aufgewecktes Kind seine Wege geht. Möglicherweise anders, als ich es getan hätte. Teile davon sogar ohne mein Wissen oder meine Zustimmung. Aber verantwortungsvoll ohne wirklich weitreichende Schäden.

Während ich beginne, an meine eigene Kindheit im Dorf zu denken, die der meines Sohnes so ähnlich war, kommt der Große nach Hause. Viel zu spät übrigens – aber mit rosigen Wangen und einem Strahlen im Geischt.

Was für ein Glück, habe ich ihn ziehen lassen. Ein Glück, macht er sein Ding. Mit seinen Freunden. Schließlich ist es auch SEINE Kindheit, die er da gerade gestaltet. Das Loslassen fällt mir immer noch nicht leicht. Aber ich bin mir sicher, wir werden das lernen. Und eine Balance finden zwischen Freiheit und Geborgenheit. Damit mein Sohn Wurzeln entwickeln kann und Flügel.

Was sagt ihr zum Thema? Wie viel Freiheit haben eure Kinder? Dürfen sie umherziehen und ihr Ding machen? Oder wollt ihr zumindest wissen, mit wem und vor allem wo sie sind? Ich freue mich über eure Berichte!

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8 Kommentare

  1. Anne Ossenbühn

    Puh, schwieriges Thema! Wenn ich dran denke, was wir früher alles gemacht haben… Außerhalb vom Ort am Bach gespielt, auf Bäume geklettert, Maisfelder für Labyrinthe platt gezrampelt, gekokelt und irgendwann noch mehr Blödsinn. Aber das sind die Erinnerungen, die bleiben! Es waren einfach wundervolle Momente. Ich hoffe, ich kriege die Balance zwischen Kontrolle und Vertrauen in ein paar Jahren gut hin.

    • Ich denke bei den Erinnerungen an meine eigene Kindheit auch ständig: hoffentlich treiben sie es nicht so wild wie ich. Und trotzdem bin ich dankbar für diese Stunden ohne Aufsicht, in denen ich mit Freunden Blödsinn machen durfte. Es ist ein schwieriges Thema, definitiv!

  2. Birte @bastelmuddi

    Jetzt muss ich erstmal eine Weile drüber nachdenken, wie ich das eigentlich sehe. Danke für den Denkanstoß

    • Ist tatsächlich kein einfaches Thema, oder? Falls du einen Standpunkt findest, teilst du ihn mir mit? Ich würde mich freuen!

  3. Ich denke, es ist auch ein bisschen davon abhängig, wo die Kinder groß werden. Dorf oder Stadt. Ich halte es für durchaus wichtig, die Freunde zu kennen und deren Wohnort. Die Eltern können allzu oft den Blick aufs Kind trüben ?
    Freiheit ist toll, aber auch ein Privileg, dass mit Vertrauen verdient werden muss. Läuft das gut, läuft es mit der Freiheit!
    Und Blödsinn und Verbotenes gehört dazu, auch um Grenzen kennenzulernen ebenso wie Konsequenzen die daraus resultieren können.
    Wenn es absehbar ist, dass die Peergroup allerdings in niedere Gefilde abdriftet, dann muss Einhalt geboten werden.
    Alles in allem ein fieses Thema ?

    • Ja, ein absolut schwieriges Thema. Danke für deine klaren Gedanken dazu. Ich kann da gerade viel für mich mitnehmen.

  4. Puh, schwierig. Ich bin als Kind auch kilometerweit in den Wald gezogen und hab Lianen geraucht (wie bitte kamen wir an das Feuer, frag ich mich grad…).
    Meine Älteste ist 6, noch zieht es sie nur bedingt weg. Aber ich habe das Gefühl, Freunde und deren Eltern will ich kennen. Ich will wissen, mit wem sie unterwegs ist. Und dann läufts nach dem Vertrauensprinzip, aber in Absprache des groben Aufenthaltsortes. Wir wohnen aber auch noch in der Stadt, da ist es vielleicht noch mal anders. Oder nehm ich das als Ausrede, um mehr Kontrolle zu rechtfertigen …? Spannendes Thema.

    • Wir haben als Kind auch Feuer gemacht. Würden meine Kinder das tun, ich bekäme den Schreck meines Lebens. Vermutlich waren das aber auch andere Zeiten damals. Ich habe den Eindruck, Kindheit früher war generell freier als heute. Nur kann ich nicht schlüssig erklären, warum das so war. Oder warum es heute anders ist. Und das Ganze ist ja ein Prozess. Die Kinder werden ja mit zunehmendem Alter immer selbständiger und unabhängiger. Und ja: es IST schwierig!

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